Hoellenfahrt am DONNERstag

Wow – so etwas haben wir bis jetzt noch nicht erlebt. Ein Sturm ist ueber die Chesapeake Bay und uns hinweggetobt, mit Spitzen-Windgeschwindigkeiten von 85 Knoten. Das ist Orkanstaerke oder 12 Beaufort (und die beginnt bei 63 Knoten)! Unser Windmesser hat sich bei 56 Knoten verabschiedet – eine Yacht, die querab war, hat uns spaeter von den tatsaechlichen Zahlen berichtet. Zum Vergleich: die hoechste Windgeschwindigkeit, die wir bisher erlebt hatten, lag bei 50 Knoten.

Es fing eigentlich recht harmlos an: ein schoener, sonniger Tag, allerdings recht schwuel. Fuer den Nachmittag waren Gewitter und Regen angekuendigt, mit Boeen bis 31 Knoten(!), das Barometer fiel entsprechend schnell. Wir hatten geplant, eine Ankerbucht im Patuxent River anzulaufen, moeglichst noch vor Eintreffen der Gewitter. Wir hatten noch ca. 10 Meilen vor uns.

Buchstaeblich von einer Sekunde auf die andere verdunkelte sich der vorher blaue Himmel. Er wurde dunkelgrau mit einer Tendenz ins Schwarz. Ueber Funk warnte die US Coast Guard auf Kanal 16 vor “severe weather and thunderstorms”. Bei 15 – 20 Knoten Wind liefen wir unter Motor, hatten gerade das Gross weggenommen und noch das Vorsegel draussen. Ploetzlich sahen wir, dass von Land aus eine breite Gischtwand auf uns zuraste. Und ein Tornado, der im Wechsel auf uns zuhielt und wieder abdrehte. “Die Genua rein!!!!” Wir rollten in Windeseile das Vorsegel ein, gerade noch rechtzeitig, da brach es los. Wir waren mitten in einem tosenden Sturm – der Windmesser stieg auf 56 Knoten und quitierte dann den Dienst. Die vorher fast glatte Bay verwandelte sich in eine Waschmaschine, die Wellen tosten um uns herum, der Regen peitschte hart ins Cockpit. Das Schiff kraengte stark auf die Seite. Die Sicht war nahezu null.

Wir verholten uns ins Innere und machten die Schotten dicht. Dank unserem Innensteuerstand – der sich wieder einmal bewaehrt hat – konnten wir TRINITY von innen kontrollieren. Als sich das Schiff mehr und mehr auf die Seite legte, drehten wir vor den Wind. Zum Glueck waren wir an einer relativ breiten Stelle der Chesapeake Bay und hatten Raum zum Abdrehen. Dennoch, bei diesen Nicht-Sichtverhaeltnissen war es kein gutes Gefuehl, mit 7,8 Knoten Speed over Ground vor dem Sturm hergetrieben zu werden. Wir hatten zwar Radar und AIS an, aber viele Hindernisse sind darauf gar nicht zu sehen – z.B. die vielen Crab Traps in der Bay (Bojen, an denen mit einer Leine eine Krebsfalle am Grund befestigt ist – geraet die Leine in die Schraube, ist ein Schiff meist manoevrierunfaehig), Schiffe ohne AIS oder die Seezeichen, die auf dem Radar von dichten Regenfeldern ueberlagert wurden. Ueber Funk hoerten wir von gekenterten Booten viele Meilen von uns entfernt. Als wir in Landnaehe kamen, drehten wir TRINITY um 180 Grad und fuhren gegen den Wind an. Ueber uns blitzte es pausenlos, unmittelbar gefolgt von ohrenbetaeubenden Donnerkrachen. Die Zeit schien stillzustehen, mitten in dieser brodelnden Hoelle.

Bis sich der Spuk nach und nach verzog – der Wind ging auf 25 Knoten zurueck, der Himmel hellte auf, die Sicht kam zurueck. Motor auf Full Speed und ab in Richtung eines schuetzenden Hafens. Eigentlich wollten wir ankern, aber angesichts der Wetterbedingungen und weiterer fuer die Nacht angekuendigter Gewitterstuerme entschieden wir uns fuer einen Liegeplatz in einer Marina. Kurze Zeit spaeter lag TRINITY sicher verzurrt in der Harbor Island Marina am Eingang des Back Creek. Und wir beide hatten uns nach diesem aufregenden Tag ein ueppiges Crab Cake- und Steak-Dinner im Calypso Bay Crab House verdient – mit dem besten Filet-Steak “seit dem Borchardt in Berlin vor ueber einem Jahr” (O-Ton Robert). K+R

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6 Responses to Hoellenfahrt am DONNERstag

  1. Christoph says:

    WOW, dass klingt ja wiedermal hyperspannend.

  2. varianta-ger177@gmx.de says:

    Hossa!

    Beim Lesen Eures Berichtes über den Orkan ist man ja ganz aufgeregt. Wie gut das alles gut ging und Ihr Euer Schiff drehen konntet und mit Motor gegenan kamt.

    Viele Grüße von Horst Uhte aus Lemgo (der Papa von Marcella Uhte/war Praktikantin bei Meta). Ich verfolge Eure Reise schon eine Weile mit.

    Alles Gute und viel Spaß. Horst.

    Gesendet: Freitag, 14. Juni 2013 um 04:06 Uhr Von: "TrinitY Berlin" <comment-reply@wordpress.com> An: varianta-ger177@gmx.de

    Betreff: [New post] Hoellenfahrt am DONNERstag

    trinityberlin posted: "Wow – so etwas haben wir bis jetzt noch nicht erlebt. Ein Sturm ist ueber die Chesapeake Bay und uns hinweggetobt, mit Spitzen-Windgeschwindigkeiten von 85 Knoten. Das ist Orkanstaerke oder 12 Beaufort (und die beginnt bei 63 Knoten)! Unser Windmesser hat"

    • Hallo Horst,
      auch ohne uns persoenlich zu kennen – wir freuen uns, dass du unseren Blog verfolgst! Und klar, Marcella ist Kerstin in allerbester Erinnerung!
      Bist du selbst Segler? Deine Mailadresse laesst auf eine Dehler Varianta schließen – oder liegen wir da falsch?
      Viele Gruesse,
      K+R

  3. Gerd und Bärbel Schultze; Berlin says:

    Hallo Ihr 2 Abenteurer !
    Auch wir verfolgen Eure Berichte mit großem Interesse und freuen uns immer, wenn – wie diesmal – alles gut geht !! Da seid Ihr nun über den Ozean geschippert und nun dieser Orkan: Wir sind seeeeeehr erleichtert, dass Ihr und Eure “TRINITY” auch diese Prüfung gut überstanden habt. Das hat sicherlich Euer Vertrauen in das von Horst erworbene Schiff verfestigt.
    Wir haben inzwischen aus gesundheitlichen Gründen unsere “TAIFOEN” verkauft; wollen aber der Gegend um ‘Benalmadena in den Wintermonaten treu bleiben – in einer Mietwohnung.
    So Ihr 2 Abenteurer: Seid ganz lieb gegrüßt aus Berlin von Bärbel und Gerd

    • Hallo ihr Lieben,

      wir freuen uns, von euch zu hoeren und dass ihr unserem Blog treu geblieben seid!
      Schade, dass ihr die TAIFOEN aus gesundheitlichen Gruenden verkaufen musstest – jetzt, wo sie toll “ge-refitted” war. Hoffentlich vermisst ihr sie nicht zu sehr. Wir koennen gut verstehen, dass es euch weiterhin im Winter in die suedlichen Gefilde zieht.

      Gruesst Berlin von uns (auf das wir hier in den USA seeehr oft angesprochen werden)! Wir fuehlen uns hier in der Chesapeake Bay – gerade vor Anker im Mill Creek, Patuxent River – ganz wie in der Wannsee-Region!

      Alles Liebe + Gute
      K+R

  4. Richard says:

    … Gott sei Dank ist nochmal alles gut gegangen. Unser persönliches “Inferno” bei 105 Knoten Wind kann man in der Yacht nachlesen.

    http://www.yacht.de/reise/news/inferno-im-ionischen-meer/a64971.html

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