Saba, die verwunschene Maercheninsel oder The unspoiled Queen

Manchmal muss der Zufall nachhelfen, um einen wunderschoenen Flecken Erde zu entdecken, vor allem, wenn er abseits der ueblichen Wege liegt.

Saba_Ladder_Bay
Schroff und nicht gerade einladend, aber der Eindruck taeuscht!

Nach 18 Tagen BVI brachen wir an einem Freitag fruehmorgens auf, um noch einmal zurueck nach Sint Maarten zu segeln. Die Reparaturen, die wir vor Eintreffen von unseren Gaesten Lars und Lisa begonnen hatten, mussten noch zu Ende gebracht werden. Zudem warteten wir noch auf ein dringendes Paket aus Deutschland – unser neues 220 Volt Notstromaggregat.

Wir hatten aufmerksam die verschiedenen Wetterberichte verfolgt, der Freitag versprach das einzige einigermaßen brauchbare Wetterfenster in absehbarer Zeit. Schon kurz nach Aufbruch wurde uns klar, dass der Toern Richtung Ostsuedost kein einfacher werden wuerde – Wind, Stroemung und hohe Welle gegenan. Unser Ziel Sint Maarten wuerde ohne Kreuzen nicht erreichbar sein. Und Kreuzen wuerde aus 80 Meilen reiner Fahrtstrecke locker 140 Meilen machen, speziell bei diesen widrigen Konditionen.

Der Wind sollte laut Vorhersage von Ost etwas noerdlicher drehen, was zunaechst aber nicht eintraf. Im Laufe des Tages drehte er dann doch und wir konnten Strecke Richtung Sint Maarten gut machen. Gegen Abend drehte der Wind jedoch wieder zurueck und wir entfernten uns erneut vom Ziel. Wir richteten uns innerlich auf eine lange Kreuz und Ankunft in der Simpson Bay kurz vor Sonnenaufgang ein. Am Horizont sahen wir vor dem Bug der TRINITY eine Insel auftauchen, die wie ein dreieckiger Riesenfelsen aus dem Meer aufragt – Saba. Wir schauten uns die Insel auf der Seekarte genauer an und ein moeglicher Plan B nahm Gestalt an: statt kurz vor Saba den Bug zu wechseln und weiter nach Sint Maarten zu segeln, koennten wir an der Westseite der Insel vor Anker bzw. an eine der dort ausgelegten Mooringbojen gehen, um dann frueh am naechsten Morgen weiter zum eigentlichen Ziel zu segeln. Da es schon fast Mitternacht war und wir nach einem langen Segeltag muede waren, beschlossen wir, den Plan in die Tat umzusetzen.

Die schroffe Felseninsel kam naeher. Mit einem starken Scheinwerfer ausgeruestet stand Robert am Bug, um in der stockdunklen Nacht die wenigen Mooringbojen in der Ladder Bay zu entdecken und TRINITY daran festzumachen. Der Schweinwerfer erfasste dicht unter Land eine der orangen Bojen mit blauem Streifen, die Leinen gingen ueber, um halb eins lag TRINITY fest und sicher in der rolligen Duenung. Vor dem Schlafengehen waelzten wir den Toernfuehrer, in dem nicht viel zu Saba stand, aber das, was wir lasen, fuehrte zu einer erneuten Planaenderung. Wir beschlossen, nicht sofort am naechsten Morgen aufzubrechen, sondern den Tag zur Inselerkundung zu nutzen und eine weitere unruhige Nacht dort zu bleiben.

Saba gehoert zu den „Islands that brush the clouds“, den “Inseln, die die Wolken buersten”. Das dem so ist, sahen wir am naechsten Morgen und spaeter auch aus der Ferne: der Gipfel war stets in Wolken gehuellt. Mit der Koenigin von Saba hat die Insel uebrigens nichts zu tun – diese war eine biblische Gestalt aus dem antiken Saba im Jemen.

Saba_Weitblick_2 Saba_Weitblick_3
Saba oben: traumhafte Weitblicke

Am naechsten Morgen probierten wir zunaechst, mit TRINITY nach Fort Bay zu verholen, wo Hafenanlagen das Anlanden per Dinghi ermoeglichen. Schon seit Jahrhunderten gilt das Anlanden mit einem Boot auf Saba als Herausforderung. Und deshalb sollen die Sabanischen Seeleute zu den besten auf der Welt zaehlen. In Fort Bay war die Duenung jedoch noch viel staerker, so dass wir das Dinghi, das noch von der Überfahrt an Deck verzurrt war, gar nicht haetten klarmachen koennen.

Fort_Bay_1 Welcome_to_Saba
Geschafft: Anladung in Fort Bay

Zurueck mit TRINITY an die zum Glueck noch freie Mooring in der Ladder Bay und ein neuer Versuch per Dinghi. Der klappte dann auch, aber die rund zwei Seemeilen bis zum Hafen waren abenteuerlich und wir bei Ankunft klitschnass. Der erste Weg fuehrte wie gewohnt zum Einklarieren, der Customs Officer verzog keine Miene angesichts der klatschnassen Einreisewilligen. Eigentlich wollten wir hauptsaechlich wegen des exotischen Stempels im Reisepass einklarieren (die meisten Segler werden sich das umstaendliche Anladungsmanoever sicherlich sparen), aber der stempelinnehabende Customs Officer war leider nicht anwesend.

Dann schnappten wir uns eine Inselkarte und stiefelten los in Richtung eines der zwei Inselorte, den steilen Berg hinauf. Steil bedeutet dort sehr steil, kein Fussgaenger begegnete uns, ab und zu fuhren Autos oder Motorraeder in halsbrecherischer Geschwindigkeit vorbei, deren Fahrer uns mitleidig, aber immer freundlich gruessend, beaeugten.

Aufstieg_1 Aufstieg_2
Der harte Weg nach oben oder The Only Way Is Up

Als wir fast beim Ort angekommen waren, hielt ein kleiner schwarzer Pickup-Lastwagen und der Fahrer fragte, ob wir einen Ride braeuchten. Wir bejahten und sprangen auf die Ladeflaeche, nichtsahnend, was uns erwartete: ein echter Rollercoaster-Ride. Er fragte noch, wo wir hinwollten, wir zeigten nach oben, er nickte. Und dann ging es los: in atemberaubender Geschwindigkeit ging es um Kurven, an steilen Abhaengen vorbei, eine Kurve rauf, die naechste runter und so weiter. Wir hielten uns krampfhaft an den Seiten der Ladeflaeche fest, unsere Beine flogen immer wieder in die Luft. In seinem frueheren Leben musste der Fahrer Formel-Eins-Pilot gewesen sein, jetzt hofften wir, dass die Bremsen intakt waren. Wir rasten durch den Ort, der eigentlich unser Ziel war, es ging weiter hinauf, dann erstmal kurvenreich hinab. Wir fuerchteten so langsam, der Wagen wuerde mit uns die gesamte Insel hinauf und an der anderen Seite bis hinunter fahren, so dass wir zu Fuss Stunden zurueck zu unserem Dinghi gebraucht haetten. Wir winkten in den Rueckspiegel und der Fahrer hielt. Er fragte, ob uns sein Fahrstil Angst mache, und meinte, wir koennten nicht mitten auf der Strasse aussteigen. Wir schuettelten hoeflich – mit zusammengebissenen Zaehnen – die Koepfe und murmelten, dass wir nach oben, nicht nach unten wollten. Er lachte und setzte die rasende Fahrt fort – uebrigens mit einem koestlich kuehlen Heineken in der Hand. Es ging wieder einen Berg hinauf über steile Berghaenge und dann hielt der Wagen schliesslich. Mit wackligen Knien stiegen wir von der Ladeflaeche – und waren in einem zauberhaften Ort ganz oben auf der Insel angekommen: Windwardside. Zu Fuss haetten wir ihn bestimmt gar nicht erst erreicht, wir haetten uns mit dem weiter unten gelegenen Ort zufriedengegeben.

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Ende der Achterbahnfahrt per Pickup-Minitruck

Die Szenerie haette so aehnlich auch in Nepal sein koennen (so stellen wir es uns zumindest dort vor): Trekkingtouristen, kleine Snackbars, Trekking-Ausruester, Restaurants mit traumhaftem Ausblick etc. Saba ist durchzogen von Trekkingpfaden, einer geht in neunzig Minuten auf den Mount Scenery, durch Regenwald und Nebel, und soll – wenn sich der Nebel mal lichtet – mit einem umwerfenden Ausblick belohnen. Zudem gibt es auf Saba jede Menge Tauchschulen, die ihre Schueler jeden Morgen nach unten ans Wasser bringen. Yachties sind willkommen – sie muessen nur von ihrem Boot zum Hafen kommen, siehe oben.

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Der obere Ort: Windwardside

Vom Ort aus wanderten wir die Strasse, die wir in rasender Fahrt hochgekommen waren und dadurch kaum etwas mitbekommen hatten, wieder hinunter in Richtung des tiefergelegenen Ortes The Bottom. Die Landschaft ist wunderschoen, mit steilen Haengen, an denen Bergziegen turnen, weit unten glitzert das Meer. Und wieder gruesste uns jeder Autofahrer, der uns entgegenkam. Die Strasse, die sich bergrauf und –runter ueber die ganze Insel zieht, galt uebrigens ueber Jahrhunderte als unbaubar. Einem hollaendischen Ingenieur gelang schliesslich die Meisterleistung und in muehevoller Arbeit wurde die Strasse gebaut und vollendet. Sie ist jetzt so massiv, dass sie alle zum Rasen verleitet – wie wir ja selbst erlebt hatten.

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Regenwald-Pflanze und Trekkingpfad auf den Mount Scenery

Im naechsten Tal naeherte sich The Bottom, zu dem wir ja urspruenglich unterwegs gewesen waren. Von oben war gut zu sehen, wie der Ordnungssinn der niederlaendischen Siedler immer noch die Gestalt der Insel praegt. Statt der ueblichen knallbunten und vielfaeltigen Haeuser der anderen Inseln war hier jedes Haus in Rot und Weiss gehalten und die Strassen wie mit dem Lineal gezogen. Ab und zu rennen auch hier Huehner ueber die Strasse, aber ansonsten war es relativ leer. The Bottom beherbergt auch die medizinische Hochschule von Saba, mit sechshundert Studenten aus aller Welt, darunter viele Asiaten. Im Supermarkt kauften wir noch etwas Proviant und machten uns dann bei beginnendem Sonnenuntergang auf den Weg hinunter nach Fort Bay, wo unser Dinghi auf uns wartete.

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Der untere Ort: The Bottom

Wir gingen an einem Haus vorbei, als jemand „Rooobert“! rief. Dieser fuehlte sich zunaechst nicht angesprochen, aber der Rufer blieb hartnaeckig. Wir schauten einen kleinen Hang hinunter zu einem Haus und unten lachte uns ein freundliches Gesicht an, dass uns bekannt vorkam, wir aber zunaechst nicht zuordnen konnten. Es stellte sich heraus, dass es der Zollbeamte war, bei dem wir einklariert hatten. Ohne seine Uniform sah er doch etwas anders aus. Er stellte sich als Tilman vor und erzaehlte, dass er aus Bonaire (Suedkaribik) stamme und fuer sechs Wochen zum Dienst auf Saba eingeteilt sei. Dann bot er an, uns mit seinem offiziellen Customs-SUV hinunter zum Hafen zu fahren. Wir willigten angesichts der zu schleppenden Einkaeufe dankbar ein. Unten angekommen, luden wir ihn auf ein Bier in die Bar am Hafen ein. Dort gab gerade auf einem Bildschirm eine Big-Band mit einem columbianischer Saenger ein Konzert und die Gaeste in der Bar tanzten und klatschten lautstark mit. Auch Tilman war in seinem Element und tanzte mit dem Bier in der Hand und mit gekonntem Hueftschwung Salsa. So einen Customs Officer hatten wir bis dato noch nicht kennengelernt (einmal abgesehen vom froehlichen Officer auf Barbuda, der Baseball-Cap und Sportklamotten trug und mitten in einem Tonstudio sass).

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Tilman, der freundliche, Salsa-tanzende Customs Officer

Als die Sonne schliesslich fast untergegangen war, verabschiedeten wir uns von Tilman – der uns nun auch bereits auf das ein oder andere Bier eingeladen hatte – und ritten mit unserem Dinghi im letzten Licht die zwei Meilen ueber die Wellen zurueck zu TRINITY.

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Wie eine Filmkulisse: Abendstimmung in Fort Bay

Am naechsten Morgen machten wir uns schliesslich auf den Weg nach St. Maarten und schauten Saba noch lange hinterher. Die Insel hat uns nachhaltig fasziniert – wir werden wiederkommen! K+R

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3 Responses to Saba, die verwunschene Maercheninsel oder The unspoiled Queen

  1. Friederike Klatt says:

    Wieder ein eindrücklicher Bericht! Wie schön, so an Euren Abenteuern teilnehmen zu können!
    Hug you!
    Friederike

  2. Vian says:

    Ihr seht total happy and healthy aus. Freue mich für Euch und hoffe, wir sehen uns bald wieder!! … wenn auch nur für einen Zwischenstop in Berlin, bevor`s bei Euch weitergeht.🙂❤
    Vivi

  3. Melanie says:

    Ich liebe es von euch zu lesen!!! Und so Spannendes und Lustiges “hautnah” miterleben zu können! Es macht das Leben im oftmals tristen Ruhrgebiet doch sehr viel schöner- danke!
    Geniesst es weiterhin mit jedem Atemzug und passt auf euch auf!

    Lots of Love
    Cousine Melanie

    PS. Happy Birthday Trinity Berlin Crew- zwar etwas verspätet, aber das erste Jahr ist doch schon tatsächlich rum, oder? Verging bestimmt wie im Fluge😉

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