Ganz anders, als du denkst.

Pos. 2607N 02557W 0500UTC 01122012

Wir sind seit mittlerweile vier Tagen unterwegs. Gran Canaria liegt bereits 1.000 Kilometer hinter uns. Der stetige Wind und die charakteristischen Wellen des Atlantiks lassen unser Schiff entschlossen durch die Duenung gleiten. Das Wetter ist nach wie vor von herb bis derb (Ostsee laesst gruessen). Dafuer sind unsere Etmale beeindruckend! Ein Etmal ist die Strecke – und damit auch die durchschnittliche Geschwindigkeit -, die innerhalb von 24 Stunden gemessen wird. Seit Tagen liegt unser Etmal um die 200 Seemeilen – und wir benoetigen dafuer nur Wind und den Ozean. Kein Vergleich zu den Monaten im Mittelmeer, wo wir zu knapp einem Drittel unseren Dieselmotor laufen hatten. Das zweite Drittel war ein einziges Rumgeduempel. Das dritte Drittel allerdings war aehnlich faszinierend und aufregend. Und das haben wir hier 24 Stunden am Tag.

Wir sind auf der Nordroute unterwegs, allein auf weiter Meeresflur. Aur einem Containerschiff, das uns gestern Nacht passiert hat, haben wir seit Tagen kein anderes Schiff mehr gesehen. Weder auf dem Radar oder AIS noch in natura. Heute morgen bei Sonnenaufgang hat sich allerdings eine grosse Delphinfamilie zu uns gesellt und mit unserem Schiff gespielt. Selbst die ganz jungen, kurzen unter ihnen haben den Bug unseres Schiffes genutzt, um ihre Geschicklichkeit und Beweglichkeit zu demonstrieren. Es ist wirklich atemberaubend, wenn man diese schoenen, kraftvollen und dabei grazilen Tiere durch die hohen Wellen gleiten sieht. Wenn man beobachten kann, wie sie die einzelnen Wellenkaemme als Absprungplattform nutzen, um im darauffolgenden Augenblick in einem hohen Bogen durch die Luft zu schweben und in die naechste Welle wieder einzutauchen. Irgendwie hat man dann auch immer das Gefuehl, dass sie einem zublinzeln und sagen “Komm, spiel mit mir!”

Thomas Wibberenz hat mal bei einer der abendlichen ARC Veranstaltungen gesagt, dass eine Atlantik-Ueberquerung schoen sei, aber irgendwie auch immer ganz anders, als man sie sich vorher vorgestellt hat. Und so ist es wohl auch. Im Nachhinein frage ich mich: wie habe ich sie mir denn vorgestellt? Aber das ist auch egal. Derzeit ist es zum Beispiel deutlich grauer und rauer, als ich vorher dachte. Irgendwie hat man immer das Thema Barfussroute im Kopf, wenn es um die Tradewinds oder die Rum-Route Richtung Karibik geht. Weniger stroemenden Regen, heftige Squalls und Skiunterwaesche bei Nacht. Man denkt an die hohen Wellenberge, die das Schiff gleichmaessig und sanft gen Westen treiben. Weniger an querlaufende Seen, die dein Schiff immer wieder auf die Seite legen, weshalb jeder Schritt sowohl unter als auch ueber Deck mit sehr viel Aufmerksamkeit und Geschicklichkeit getaetigt werden muss. Man denkt an Entspannung, das suesse Nichtstun und den ein oder anderen geangelten Fisch, den man zum Abendessen als Sashimi und anschliessend gegrillt verzehrt. Weniger an Hektik bis Akrobatik auf dem Vordeck, da sich das Wetter mal wieder rapide veraendert hat und alle Segel neu eingestellt oder gar eingeholt werden muessen, Bullenstander und Spibaeume neu gesetzt und fixiert werden muessen. Und das alles bei extrem viel Wind und giftiger Welle. Dafuer gibt es dann spaeter zur Belohnung – wir sind ja clever – Marks&Spencer Dosen-Chili (gebunkert in Gibraltar), da es bei den Bedingungen undenkbar ist, ein aufwaendiges Essen zuzubereiten. Dafuer waren wir beide aber auch noch nie seekrank! Ein echtes Glueck, wie wir den Funkgespraechen und Emails befreundeter Mitsegler entnehmen koennen.

Diese Reise ist und bleibt ein extrem aufregendes und involvierendes Abenteuer. Sie ist faszinierend, lehrreich und vielleicht sogar ein wenig charakterpraegend. So habe ich sie mir auch vorgestellt. Und zu allem Ueberfluss geniessen wir sie in – fast – jeder Sekunde. R

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5 Responses to Ganz anders, als du denkst.

  1. Dagmar Klein & says:

    Hallo und guten Morgen ihr beiden Lieben, wenn man euren Bericht liest, möchte man sofort an Bord kommen, allein schon wegen der Delfine!!! Es ist herrlich, zu wissen, daß euer Traum in Erfüllung geht, trotz aller Unbillen, die so ein Abenteuer begleiten. Weiterhin alles Glück dieser Erde.

    Ich bin bei euch mit meinen Gedanken und auch mit meinen Träumen, denn eure Berichte verführen zum Träumen. Herzlich Dagmar

    _____

  2. Beate Föll says:

    Ihr beiden Lieben, eure Berichte sind so lebendig-ich habe das Gefühl mit an Bord zu sein (v.a. bei der Schilderung mit den Delphinen-Erinnerung an Griechenland!). Weiterhin viel guten Wind und alles Liebe. M.

  3. Andreas Hubert says:

    Liebe Kerstin, lieber Robert, jetzt seid ihr auch noch seetüchtige Autoren, lese Eure Berichte und das Schreiben über Eure Gefühle sehr gerne und wie Dagmar es auch schreibt: habt Ihr Platz für einen Hubschrauber zum Entern? Weiter alles Liebe, Andreas

  4. Jens says:

    Ich geniesse eure Berichte auch sehr, macht weiter so, alles Liebe und weiter eine gute Reise,
    Jens

  5. Klaus says:

    Hallo ihr beiden,
    Vielen Dank fuer die Updates und man man man, das klingt alles fantastisch und macht so richtig Lust das Segeln mal selber zu probieren.
    Weiterhin alles Gute fuer eure Reise und viele Gruesse, Klaus

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